anGEdacHt im März 2008

Ein junger, etwas abgewrackt und dreckig aussehender Mann sitzt in einem Zug und hält innerlich Rückblick über die letzten Jahre...

Das Ticket soeben bezahlt, fängt er an zu erzählen.

"Vielen Dank für das Ticket, das ist aber ganz schön teuer geworden.
Boah, jetzt bin ich pleite. Das bisschen Geld, das ich bei meiner Entlassung bekommen habe, ist jetzt weg.
Ja – Entlassung, ...ich war 5 Jahre im Gefängnis.
Keine Freiheit, kein Besuch, kein Urlaub, ... Fünf Jahre, ...eine lange Zeit. Okay mein Kumpel und ich, ...wir hatten Hunger, wir hatten einen LKW mit Lebensmitteln überfallen wollen.
Der LKW-Fahrer war so erschrocken, dass er mit dem LKW schnell abhauen wollte. Das ging schief. Er fuhr gegen den nächsten Baum und wurde verletzt. Der LKW hatte Totalschaden. Ich war so erschrocken, dass ich wie angewurzelt stehen blieb, und eh ich mich versah, war die Polizei da und ich wurde verhaftet.
Mein Kumpel war längst verschwunden. Ihn hatte ich seitdem nicht mehr gesehen. Und jetzt habe ich wieder Hunger... ich werd mal durch den Zug gehen und die Leute Fragen, ob sie was zu Essen für mich haben."

Der Mann geht durch den Zug und fragt in jedem Abteil, ob jemand etwas zu Essen für ihn habe.
Er stößt nur auf Ablehnung. Und so setzt er sich wieder auf seinen Platz.

"Auch hier hat wieder keiner was zu Essen für mich. - Aber ich will doch nicht schon wieder irgendeine Scheiße bauen, die dann schief geht
Ich will nicht wieder in den Knast. - Und warum ist alles so gekommen?
Nur weil ich mein Maul zu Hause zu weit aufreißen musste: „Ey Alter“, hatte ich zu meinem Vater gesagt, „rück alle Knete raus, die du für mich gespart hast. Alle Ersparnisse von Geburtstagen, alle Geschenke von Oma, Tante und Onkel. - Und auch das, was ich erben würde, wenn du stirbst. - Ich will das alles jetzt schon haben.
Ja, ich wollte raus zu Hause, mich hat das angekotzt, immer nach der Pfeife meines Vaters zu tanzen. In unserem Dorf hatte ich eh keine Perspektive für mein Leben. Mein Bruder war sowieso der anständigere, der bekam auch immer mehr Taschengeld. Mit den meisten Freunden hatte ich mich auch zerstritten. Es war alles sinnlos geworden... Und so wollte ich halt raus – Raus zu Hause.
Schweren Herzens hat mein Vater mir das Geld ausgezahlt, das war eine ganze Stange Geld – und meine Augen leuchteten.
Er konnte es eben nicht übers Herz bringen, mich ganz ohne Geld gehen zu lassen. Aber das reichte mir nicht, ich wusste wo meine Eltern Geld im
Wohnzimmerschrank aufbewahrten, so als Notgroschen. Davon nahm ich auch noch einen ganzen Batzen."

Der Mann findet einen Kanten Brot in der Tasche und kaut kurz auf diesem herum!

"Und dann hab ich es mir gut gehen lassen. Ich bin voll fett essen gegangen, mit 5 Gänge Menü und so. Ich bin jeden Sonntag zu einem Bundesligaspiel gegangen. (nat. mit Platz in der Viptribüne).
Ich habe mir den neuen Audi gekauft und wohnte in einem Top Appartement. Dann war ich noch in Paris, der Stadt der Liebe. Ey, ich sag, da gibt es vielleicht tolle Frauen, und ganz billig sind die auch nicht.

Und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Ich merkte, dass auf meinem Konto nur noch ein paar hundert Euro drauf sein mussten.
Weit würde ich damit nicht kommen. Und dann wurde es auch noch gesperrt.
Tja und dann kommt man auf die dümmsten Ideen, wenn man Hunger
hat. Den Till hatte ich auf irgendeiner Party kennengelernt. Er war genauso arm, wie ich mittlerweile. Als wir den LKW sahen, dachten wir, dass wir ihn überfallen könnten, um uns mal so richtig satt zu essen. Tja, und der Fahrer bekam die Panik und fuhr gegen einen Baum.
FÜNF Jahre Gefängnis, wegen schweren Raubüberfall und schwerer Körperverletzung, war das Urteil - und Till – war verschwunden.

Was hatte ich getan? Meine Familie mit Füßen getreten, alles Geld verschleudert und auch noch im Knast gelandet.

Ey, da gings mir früher echt besser. Von wegen damals keine Perspektive
jetzt - habe ich keine."

Dem jungen Mann steht nun, in Anbetracht der Situation, das Wasser in den Augen und er redet jetzt eher traurig...

"Bei meinen Eltern hatte ich alles, was ich brauchte und sogar manchmal mehr als das. Und mit meinem Bruder hatte mich ja auch oft ganz gut
verstanden. Wir haben viel zusammen gespielt, manchmal bis in die Nacht.
Was habe ich getan? Wenn es Probleme in der Schule gab, und die gab es mit mir oft genug, dann ist mein Vater hin und hat die Lehrer beruhigt
Wenn ich mich verletzt hatte und mir weh getan hatte, dann nahm meine Mutter mich in den Arm.
Und nun habe ich nichts mehr, ...Oh Gott, oh Gott, oh Gott...
Ja oh Gott, - von dem haben mir meine Eltern und die Tante in der Kirche auch oft erzählt."

Verzweifelt geht der Mann auf seine Knie:

"Mein Gott ich habe echt Scheiße gebaut, ich habe dich - Gott sein lassen und so getan als gäbe es dich nicht. Ich habe meine Familie beklaut, gehasst, belogen und verlassen. Oooh es tut mir so Leid, ...
Wir waren doch eine Familie - Ja - wir waren doch eine Familie."

Die Hände vorm Gesicht neigt er leicht den Kopf und spricht:
"Gott, wenn du mich nach all dem noch hören magst, hilf mir bitte!"

Nach einer kurzen Schweigeminute setzt er sich wieder, den Kopf auf dem Oberschenkel aufstützend, auf seinen Platz und philosophiert weiter.

"Hoffentlich ist mein Brief angekommen, als ich vor vier Wochen erfuhr, dass ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, schrieb ich einen Brief nach Hause."

Etwas irritiert suchte er nun in seinen Hosentaschen und kramt einen zerknickten Zettel aus einer Tasche hervor.

"Hier hab ich das nochmal aufgeschrieben:

„Hallo Mama und Papa,
hier schreibt euer jüngster Sohn, ...
ich war es der damals abgehauen ist, mit dem ganzen Geld und mir auch noch welches aus dem Wohnzimmerschrank geklaut habe.
Das war echt mies von mir. Ich habe dann ein voll fettes Leben geführt und mir alles nur Mögliche geleistet.
Aber, ich habe dann mehr und mehr Mist gebaut. Habe jemanden überfallen, der hatte dann einen Unfall.
Und so kam Eins zum Anderen. Mit 5 Jahren Gefängnis habe ich dafür bezahlt. Keine Freiheit, kein Wohlstand, keine Freunde, keine Besuche. Nur strafende Einsamkeit.
Mir ist klar, dass ich das alles selbst verbockt habe.
Und es tut mir nun selbst weh, gegen euch und den Gott gehandelt zu haben, von dem ihr mir immer erzählt habt.
Ich will mich auch nicht mehr euer Sohn nennen, denn das bin ich nicht wert.
Ich will nur kurz vorbeikommen, um mich zu entschuldigen.
...
Wenn ich das darf, dann hängt bitte an der großen Linde, vor unserem Haus, ...ein kleines weißes Tuch auf.
Macht es so fest, dass ich es sehen kann, wenn ich auf die Straße einbiege.
Wenn kein Tuch dran hängt, dann verstehe ich das, dann wollt ihr mich nicht mehr sehen.
Und dann werde ich für immer gehen.

Euer ehemaliger Sohn,... ".

Den Blick aus dem Fenster gerichtet kommen die letzten Fragen:

"Und nun, was wird nun passieren? Was wird nun passieren, wenn ich aus dem Zug aussteige und auf unsere Straße einbiege?"


Ja, was passierte...
Diese Erzählung ist angelehnt an die Story „Vom verlorenen Sohn“ (Lukasevangelium Kapitel 15)
In der biblischen Erzählung wusste der Vater nicht, dass sein Sohn kommt, er stand aber schon wartend vorm Haus.
In unserer Erzählung war der ganze Baum vor dem Elternhaus vollgehängt, und die Fenster waren auf, dass die weiße Gardine herauswehte. So lieb hatten die Eltern ihren Sohn - natürlich war er noch ihr Kind. Echte Familienbande brechen nicht durch pubertäres Handeln auseinander. Verwandtschaft und besonders Elternschaft kann man nicht auflösen.

Dieser Vater ist ein Sinnbild für den biblischen Gott.
Er hat uns geschaffen, wir sind seine Kinder. Als Gott die Schöpfung inklusive Mensch fertig hatte, betitelte Gott sie als „sehr gut“ (1.Mose Kapitel 1 Vers 31) - und der Mensch war Gottes Gegenüber.
Leider katapultieren wir Menschen uns allzu oft aus dieser Stellung heraus.
Gott ist uns kein Gegenüber, wir meinen alles besser als „sehr gut“ machen zu können und verlaufen uns im Labyrinth des Lebens.
Wie dieser junge Mann!
Doch Gott kommt uns in Jesus hinterher. ER will mit uns auf einer Ebene stehen. ER will dem Menschen in Gestalt gleich sein.
Vor Jesus Christus stehen wir Gott gegenüber.* Durch IHN erkennen wir, was es heißen kann „Gott ein gegenüber zu sein“.

Bist du dem lebendigen Gott ein Gegenüber? ...oder hast du „Schiss“ IHM einst mal gegenüber zu stehen?

Sollte es diesen nicht Gott geben, dann ist ein immerzu ehrliches Leben, das Versöhnung sucht, keine Schande, sondern Ehre.
(...nur wer schafft das?)
Sollte es Gott doch geben, und davon gehe ich aus, dann frage ich dich: „Bist du dem lebendigen Gott ein Gegenüber?“
Wohin gehst du?


*Jesus sagt im Johannesevangelium: „Wer mich sieht, sieht den Vater“


Liebe Grüße
Matthias