das 9. Mal anGEdacHt 2008
Auch wenn es dunkel ist
Er war ein starker Mann, der einem Feind gegenüberstand, der viel stärker war als er.
Seine junge Frau war ernstlich krank geworden und starb ganz unerwartet. Sie ließ den großen Mann mit einem Mädchen von knapp fünf Jahren allein.
Der Trauergottesdienst in der Dorfkapelle war einfach und sehr ergreifend. Nach der Beerdigung auf dem kleinen Friedhof sammelten sich die Nachbarn des Mannes um ihn.
„Bitte komm doch mit deinem kleinen Mädchen für ein paar Tage zu uns“, bot jemand an. „Du solltest jetzt nicht allein nach Hause gehen.“
...
Trotz seines Kummers erwiderte der Mann: „Vielen Dank, liebe Freunde, für dieses freundliche Angebot. Aber wir müssen nach Hause zurückgehen – dorthin, wo sie war. Mein Kind und ich müssen uns dem stellen.“
So kehrten sie also zurück, der große Mann und sein kleines Mädchen, in ein, wie es schien, leeres und totes Haus. Der Mann stellte das kleine Bett seiner Tochter in sein Zimmer, damit sie sich der ersten dunklen Nacht gemeinsam stellen konnten.
Die Minuten schlichen an diesem Abend dahin, und das kleine Mädchen bemühte sich einzuschlafen ... genau wie ihr Vater.
Was könnte einen Mann tiefer treffen als ein Kind, das leise nach seiner Mutter weint, die niemals zurückkommen wird?
Das kleine Mädchen weinte bis tief in die Nacht hinein. Der große Mann reichte zu ihr hinüber und versuchte, sie so gut er konnte zu trösten. Nach einer Weile gelang es dem Mädchen, mit dem Weinen aufzuhören – aber nur ihrem Vater zuliebe.
Da der Vater dachte, seine Tochter sei eingeschlafen, sah er zur Decke hinauf und sagte mit gebrochener Stimme: „Ich vertraue dir, Vater, aber ... es ist so dunkel.“
Als das kleine Mädchen das Gebet ihres Vaters hörte, begann es wieder zu weinen.
„Ich dachte, du würdest schlafen, Kleines“, sagte er.
„Papa, ich habe es versucht. Du hast mir so leid getan. Ich habe es wirklich versucht. Aber – ich konnte nicht einschlafen. Papa, hast du gewusst, dass es so dunkel sein kann? Warum ist das so, Papa? Ich kann nicht einmal dich sehen, so dunkel ist es.“ Und unter Tränen flüsterte das Kind: „Aber du hast mich doch lieb, auch wenn ich dich nicht sehe, nicht, Papa?“
Als Antwort griff der große Mann hinüber, hob das kleine Mädchen aus seinem Bett und legte es neben sich. Er hielt seine Tochter im Arm, bis sie endlich einschlief.
Als sie zur ruhe gekommen war, begann er zu beten. Er machte sich den Schrei seiner kleinen Tochter zu eigen und gab ihn an Gott weiter.
„Vater, es ist so schrecklich dunkel. Ich kann dich überhaupt nicht sehen. Aber du liebst mich doch, auch wenn es dunkel ist und ich dich nicht sehen kann, nicht?“
In dieser dunklen Stunde rührte der Herr ihn an und gab ihm neue Kraft, um weiterzumachen. Er wusste, dass Gott ihn auch in der Dunkelheit liebte.
Ron Mehl, aus: Alice Gray (Hrsg.): Ein Lied in der Nacht. Wetzlar, Ulm 2003, S. 150f.